Die tödliche Schönheit Boliviens
Boooom! Ein paar hundert Meter entfernt geht eine Ladung Dynamit hoch, das dumpfe Dröhnen der Explosion schallt bis zu mir, doch so richtig nehme ich den Knall gar nicht wahr, vielmehr bin ich damit beschäftigt wieder Anschluss an meine Gruppe zu bekommen. Auch in meinem Schacht muss vor kurzem etwas explodiert sein, denn es hat so viel Staub aufgewirbelt, dass ich keinen Meter weit sehen kann. Ich leuchte mit meiner Stirnlampe auf den Boden, damit ich in ja kein Loch oder in eine dieser verdammt giftig wirkenden gelben Pfützen trete. Ich laufe gebückt und halte mit der Hand meinen Helm fest, um nicht ständig irgendwo anzustoßen, mit der anderen Hand versuche ich mir mein T-Shirt vor den Mund zu halten, doch durch die Höhe und die schlechte Belüftung habe ich das Gefühl fast zu ersticken. So krass hatte ich mir Potosi definitiv nicht vorgestellt!
Wenige Tage zuvor hatte ich die Grenze nach Bolivien überschritten und gleich eine Dreitagestour durch Uyuni gebucht. Diese war so spektakulär, dass von der schlechten Laune aus Argentinien nichts mehr zu spüren war: wir sahen Landschaften, so schön, dass sie selbst Caspar David Friedrich zu kitschig gewesen wären. Der Trip ging durch Schnee, vorbei an brodelnden Vulkanfeldern, durch Plantagen und durch Wüsten, welche die Vorlage von Salvador Dalis Bilder sein könnten, doch das absolute Highlight war Uyuni selbst: unendlich weit erstreckten sich die weißen Böden der Salzwüste, geflutet mit Regenwasser, in welchem sich die Wolken spiegeln, fast unmöglich den Horizont zu erkennen, Himmel und Erde wurden zu einem und ich selbst, ich hatte das Gefühl im Himmel zu laufen. Und nun, nur wenige Tage später, war ich in auf einmal in der Hölle.
Als ich die Gruppe wieder finde, geht unsere Minentour weiter, wir klettern ein paar wackelige Leitern hinauf und balancieren über schmale und ungesicherte Stege, vorbei an hunderte Meter tiefen Löchern, bis wir schließlich am Ende des Schachtes ankommen, wo ein junger Minenarbeiter ein paar Dutzend Dynamitstäbe zusammensteckt, wie als, wenn sie das Spielzeug aus dem Überraschungsei wären. Ich schaue herüber zu Guillermo, wir waren zusammen aus Uyuni angereist, und sehe, dass er auch nicht so ganz entspannt aussieht. Auf dem Rückweg kommen wir noch an zwei Arbeitern vorbei, die einen 1500kg schweren Wagen zum Ausgang schieben. Ihr ganzer Körper ist schwarz vor Dreck, ihre Gesichter verzerrt und emotionslos, wie die, der Berliner Partyleute Montags um zehn und ihre Blicke, leer, betäubt von den Kokablättern und dem puren Alkohol, den sie sich vor jeder Schicht geben. Als wir knapp eine Stunde später wieder draußen stehen, sind wir alle sichtbar entspannt.
Potosi war einst die reichste Stadt Südamerikas, über fünfzig Prozent alles Silbers weltweit kam zu Kolonialzeiten aus dem Cerro Rico, dem knapp 4800m hohen Berg, welcher ständig über die Stadt wacht. Doch neben Reichtum brachte der Silberrausch auch viel Verderben, Millionen Tote hat der Berg schon gefordert, und selbst heute stirbt fast jede Woche ein Arbeiter. Wer nicht in einem der 250 Schächte verunglückt, geht langsam zu Grunde: 20, vielleicht 25 Jahre beträgt dir Lebenserwartung eines Miners ab Arbeitsbeginn, viele der jugendlichen Arbeiter – manche fangen wegen mangelnder Alternativen schon mit 12 Jahren an – werden wahrscheinlich nicht einmal ihren 40. Geburtstag erleben. Die Minen Potosis war bis jetzt die härteste Erfahrung meiner Reise, alles andere als schön, aber ich bin froh sie erlebt zu haben und verstehe jetzt, warum Che Guevara nach Kuba ausgerechnet Bolivien als nächstes Land befreien wollte.
Nach Potosi fahren Guillermo und ich weiter nach Sucre, Boliviens offizieller Hauptstadt. Sucre ist idyllisch schön, der ideale Ort, um den Karneval mitzunehmen. Als ich dann noch Felipe, meinen chilenischen Freund aus Paraguay, wiedertreffe, steht dem nichts mehr im Wege. Tagsüber schauen wir zu, wie die verschiedenen Karnevalsclubs samt Blaskapelle durch dir Straßen ziehen, sich betrinken und mit Wasser und Schaum besprühen, abends machen wir es ihnen nach. Als wir mit einer argentinischen Theatergruppe losziehen, reichen zwei Gitarren und drei Flaschen Wein, um einen verschlafenen Platz in eine Latinoparty zu verwandeln. Ich liebe Sucre, wollte eigentlich nur zwei Nächte bleiben, es werden sechs!
Der Großteil Boliviens liegt höher als die Zugspitze, komm ich unter 3000m, hab ich das Gefühl in Holland zu sein. Es ist beeindruckend, wie sich das Leben in der Höhe abspielt, und am beeindruckendsten ist La Paz, die wohl höchstgelegene Großstadt der Welt. Eigentlich geht ihr ein schlechter Ruf voraus, bekannt für Kriminalität, als Umschlagplatz für Koks und viel zu viel Verkehr, doch als ich ankomme, bin ich krass überrascht: die Stadt erstreckt sich über ein riesiges Tal, Häuser wo man nur hinschaut und da, wo keine mehr sind, fangen umwerfend schöne Berge an. Da La Paz sich nicht für eine U-Bahn eignet, haben ein paar Österreicher ein paar Skigondeln in die Stadt gesetzt, die Fahrt mit dem “Teleférico” ist ein absolutes Highlight!
Unweit von La Paz startet außerdem die Ruta de la muerte, die Straße des Todes, einst die gefährlichste Straße der Welt: noch bis vor kurzem verschwanden jährlich bis zu 300 Reisende auf dem oft gerade einmal 3m breiten Abschnitt zwischen La Cumbre und Yolosa. Heute gibt es eine etwas sichere Alternativroute und die Straße ist eher beliebt bei Touristen und Mountainbikern und so kommt es, dass auch ich mich entscheide sie zu bezwingen: los geht es auf fast 5000m bei eisigen Temperaturen, wir kommen durch geflutete Abschnitte, sehen hunderte von Meter tiefe Abgründe, werden von Wasserfällen durchnässt und erleben sogar einen Erdrutsch. Neben 56km Länge hat die Ruta de la muerte auch knapp 3500m Höhenmeter zu bieten, bei jedem Zwischenstopp wird es wärmer und, es atmet sich endlich wieder besser. Als wir in Yolosa ankommen, bin ich durch den ungewohnt vielen Sauerstoff so on fire, dass mich nicht einmal die Mücken stören. Echt ein angenehmes Gefühl, ich bekomm gleich wieder Lust auf Sommer und Meer und entscheide mich noch am Swimmingpool in Yolosa die hohen Anden bald zu verlassen und weiter nach Peru zu reisen.
Auf dem Weg zur Grenze bleib ich noch einen Tag am Titicacasee, dem höchstgelegenen befahrbaren See der Welt, bevor ich in den Nachtbus nach Cusco steige. Bolivien war eine absolute Überraschung, ich hatte niemals so atemberaubende Natur und so freundliche Menschen erwartet, die Minen und die Death Road haben meine Adrenalindrüsen wieder auf Vordermann gebracht und selbst das Essen war bei weitem nicht so schlecht, wie befürchtet. Mit einem Gefühl vollster Zufriedenheit lehn ich mich in meinen Sitz und quatsche noch etwas mit dem australischen Paar und der mexikanischen Rentnerreisegruppe, die neben mir sitzen. Erst nach 15 Minuten fällt mir auf, dass ich Spanisch rede. Es ist das erste Mal, dass mir eine Konversation locker von der Zunge geht. Ich werde wohl noch viel mehr aus Bolivien mitnehmen, als ich gedacht hatte…
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