Gimme some rythm baby!
„Che preparateeee, vamos a hacer quilomboooo !! “ schreit mir Ricardo ins Ohr, „Mach dich bereit Alter, gleich hauen wir richtig auf die Kacke“, wäre wohl die richtige Übersetzung. Wir haben auf der Tanzfläche einen Haufen aus Personen gebildet, springen auf und ab und drehen uns dabei. „He! He! He! He!“, die Argentinier sind zwar meist noch kleiner als ich, haben aber eine Energie und Ausdauer wie Maradona in Bestzeiten. Wir schauen alle gespannt zum Hintereingang des Zeltes, und, wenige Augenblicke später taucht genau dort das Brautpaar auf, Miguel schaut kurz rüber, fängt selber an zu springen, lässt Gigis Hand los und rennt wie ein wilder Stier auf uns zu. Das Zelt tobt und aus den Boxen plärrt es: „.. sos el amoooor de mi viiiidaaa“, „… du bist die Liebe meines Lebens!“ Ay Micky, das war es jetzt mit dem Junggesellenleben, du bist jetzt offiziell verheiratet!!
Ihr erinnert euch vielleicht noch an die ursprüngliche Hochzeitseinladung und den Bitcoin. Meine Idee mir die Reise zur Hochzeit mit der Kryptowährung zu finanzieren, war ja vorne und hinten nicht aufgegangen: just nach meinem Investment hatte der Bitcoin eine Talfahrt ohnegleichen hingelegt. Auf die Hochzeit wollte ich trotzdem, das hatte ich ja noch in Buenos Aires entschieden, und daher wollte ich mir es nun nicht auch nehmen lassen die beiden noch etwas emotional auf die Folter zu spannen und erst einmal abzusagen. Carlos, ein alter Freund aus Indonesien, hatte mich bei meinem Plan unterstützt und alles von Übernachtung bis hin zum gefaktem RSVP und den eigentlichen Platz auf der Gästeliste organisiert, sodass der Überraschung nichts mehr im Weg stand. Den meisten Spaß hatte ich beim Verfassen meiner emotionalen Nachricht, dass ich nicht kommen kann, aber der Höhepunkt war ohne Zweifel Miguelitos Gesichtsausdruck, als ich dann vor ihm stand, mehr als „Jorgitoo, you are here?!?! Eeeeh..I thought…“ und ein dickes Grinsen hat er nicht herausbekommen, herrlich, unbezahlbar und genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte!
Die Hochzeit an sich ist auch der Hammer, nach einer kurzen Zeremonie in der Kirche geht es zu einem Anwesen, ganz in der Nähe von San Salvador de Jujuy, wo wir mit jeder Menge Essen und Getränken im Garten empfangen werden. Es folgte die zivile Trauung und schließlich das eigentliche Essen – argentinisches Rindfleisch, was sonst – bevor es später schon auf die Tanzfläche geht. Der erste Tanz, Walzer zwischen Braut und Vater, kenn ich noch, ab dann wird es wild und freestyle. Ich hatte ja eigentlich immer gedacht nach den zehn Wochen in Südamerika jetzt einigermaßen tanzen zu können, wurde aber relativ bald und mehrmals darauf hingewiesen, dass das so gar nicht geht: „Mehr die Hüfte bewegen“ fordert mich Diego, einer der Gäste, mehrmals auf. Als er merkt, dass ich noch nicht so ganz auf ihn höre, holt er mir erst einmal einen Fernet-Cola. Auch Octaviano schätzt meinen Tanzstil nicht und bittet seine Frau mit mir zu tanzen. Nach einigen Fernet-Colas und einer gefühlten Stunde Privatunterricht, bin ich endlich locker genug in den Hüften und ready für den Rest des Abends! Der verläuft super, alle tanzen wild, es gibt Rockmusik, Reggaeton, Fernet-Colas und Gin Tonics, Sonnenbrillen, Partynebel und noch mehr Fernet-Colas: Argentinier wissen definitiv wie man feiert und tanzt!
Die Hochzeit in Jujuy war aber nicht das einzige Highlight im März. Knapp zwei Wochen davor hatte ich die ecuadorianisch-kolumbianische Grenze übertreten und damit einen Traum verwirklicht. Trotz hoher Erwartungen konnte Kolumbien diesen gleich standhalten: erster Stopp war Cali, und kaum waren Gustavo und ich da angekommen, hatten wir auch gleich einen Termin in der Tanzschule, um Salsa zu lernen. Ich hab mich zwar neben den kolumbianischen Tanzlehrern wie ein Blinder im Spezialisierungskurs 3 für Farbenlehre gefühlt, aber wir hatten trotzdem jede Menge Spaß und konnten abends im Topa, einer von Calis bekanntesten Salsaclubs, uns auch in der Praxis versuchen, auch wenn da Regionalliga auf Champions League stieß. Ich mochte Cali besonders, irgendwie ist die Stadt aufregend, voller Leben und Leidenschaft, aber gleichzeitig nicht abgehoben, im Club tanzt jeder mit jedem, Leute sprechen miteinander auf der Straße wie in Neapel, und selbst von der hohen Kriminalität – allein in Cali allein gab es 2017 doppelt so viele Morde wie in ganz Deutschland – habe ich nichts mitbekommen, im Gegenteil, ich habe mich viel wohler und willkommener gefühlt, als in dem so hoch angepriesenem Medellín, meinem nächsten Stopp.
Medellín ist vor allem durch sein durchweg frühlinghaftes Klima, seine unheimlich schönen Menschen bekannt und natürlich durch Pablo Escobar, der einen guten Teil dazu beigetragen hat, dass die auch eine unheimlich blutige Vergangenheit hat: Mitte der neunziger Jahre wurde fast ein halbes Prozent der Bevölkerung jährlich ermordet, mehr als 3 von 1000 Personen pro Jahr. Medellín hat sich aber mittlerweile gemacht und ist zu einer Touristenhochburg, sowie einer der sichersten Städte Kolumbiens geworden, gefühlt eine Entwicklung schneller und drastischer, als die des Ostens Deutschlands. Als ich in meinem Hostel ankomme, treff ich zufällig auf Claire, einer meiner australischen Wegbegleiterinnen von meinem Roadtrip im Norden Argentiniens ein paar Monate vorher. Voller Freude erkunden wir die Stadt zusammen und gehen am ersten Abend auch gleich aus, ein wundervoller Abend, aber wir sollten auch eine hässliche Seite Kolumbiens kennenlernen.
Nach ein paar Drinks im Poblado, dem touristischem Kneipenviertel rund um den Parque Lleras, hatten wir uns mit ein paar weiteren Travelern dafür entschieden noch nach Palmahia zu fahren, einer Disco ein paar Kilometer auswärts mit weniger Gringos, ich voller Vorfreude endlich mal wieder meine Salsasteps zur Schau stellen zu können. Doch kaum im Taxi geraten wir auch schon in eine Polizeikontrolle, zwei schwerbewaffnete Beamte winken uns aus dem Auto, nehmen uns die Ausweise ab und fangen an uns von unten bis oben abzusuchen, eine Kontrolle strenger als die Auslese im Berghain. Nach einigen Minuten werden sie bei einem Neuseeländer aus dem zweiten Taxi auch fündig und ziehen ihm einen Strohhalm aus der Tasche, aus ihrer Sich Indiz genug, dass wohl jemand Drogen nehmen möchte.
Schlagartig brechen die beiden Polizisten Ihre Suche ab, türmen sich vor uns auf und fangen einen langen Monolog an, dass ein Drogenkonsum ja ein Problem sei und das jetzt eigentlich der Kiwi mit auf die Kaserne müsste, es sei denn wir wollten das gleich vor Ort regeln, wäre ja auch einfacher. Da ich der einzige in der Gruppe bin, der Spanisch spricht, und der Strohalmbesitzer etwas bleich wird, vergewissere ich mich zweimal, ob ich alles auch richtig verstanden habe und frage auch gleich, was denn der Preis einer Regelung vor Ort wäre. Der Polizist, mit dem höfflichsten und einem aufgesetzt professionellsten Ton, sagt mir nur, dass wir doch einen Vorschlag machen sollen. Nach ein bisschen Hin und Her, werfe ich schließlich 50 Tausend Pesos, etwas weniger als 20 Dollar, in die Runde, hatte aber übersehen, dass der Beamte das ganze Geld des Kiwis in der Hand hatte und damit genau wusste, wie viel da war. Er nimmt sich 100 Tausend, bedankt sich grinsend und wünscht uns noch eine schöne Zeit in Medellín. Bis heute hab ich nicht erfahren, ob der Neuseeländer wirklich Drogen bei sich hatte, aber weiß sicher, dass der einzige Raub, den ich in fast vier Monaten Südamerika erlebt hatte, von kolumbianischen Polizisten begangen wurde.
Den Tag nach der Hochzeit – ich war nach den Tagen in Medellín mit dem Flieger über Cordoba nach Jujuy gereist, um an der Hochzeit teilnehmen zu können – hatte ich entschieden die Chance zu nutzen, und mir wenigstens für ein paar Tage Chile anzuschauen, natürlich viel zu wenig für das ewig lange Land. Nach einer beeindruckenden Busfahrt über die Anden und durch die Atacamawüste, komme ich Calama an, aber auch nur um gleich nach Santiago weiterzufliegen. Dort erwartete mich Felipe und Niki, Reisebuddys aus Bolivien. Ich schau mir das Zentrum an, ess ein unglaublich leckeres Eis mit Niki in der Lastarria und bekomme einen Vorgeschmack auf das Land, kann es aber noch nicht so ganz einordnen. Unter den ganzen Nationen, die ich gesehen hatte, ist auch Chile ein kleiner Exot: hoch entwickelt und unheimlich industriel erinnert es mich teilweise an den Westen Australiens und teilweise an Europa. Das bewahrheitet sich auch an unserem letzten Abend, als wir tanzen gehen, kein Salsa, kein lateinamerikanischer Rock, kein Reggaeton, nein, wir gehen Psychotrance tanzen. Auch in Santiago definitiv immer noch nicht meine Musik, aber egal, es geht ja am Folgetag wieder in das Salsaland Kolumbien. Erst einmal genießen wir den Abend und und bewegen uns wie verrückt, sodass März zum tanzwütigsten Monat wird, gimme some rythm baby!!!
![]()


























