This is Africa!

Endlich wieder unterwegs! Die letzten Monate waren von den Auswirkungen meiner Idee mich selbstständig zu machen dominiert und ich konnte es glauben nun endlich wieder in einen Flieger zu steigen. Am Morgen noch meinen letzten Call gehabt, nachmittags Max eingesammelt und abends dann nach Tegel. Wie so oft, habe ich erst im Flieger voll realisiert, dass es nun soweit war.

Der Flug war schon das erste Highlight. Der Service von Qatar Airlines wie immer super: die slowakische Stewardess fand uns nämlich sympathisch und ist extra in die Rolle der Barkeeperin geschlüpft. Jeder Frage, ob wir noch einen Drink wollten folgte nach einer, viel zu kurzen Pause ein „Ach kommt, na klar, wollt ihr noch einen!“ … und ein Drink. Eine Stunde, ein Flugzeugfertigessen, zwei Bier und zwei Whiskey später gingen nun meine Lichter noch vor denen der Kabine aus. Ich konnte herrlich durchschlafen und wachte ein paar Stunden später sogar einigermaßen erholt wieder auf.

Wir waren nun so gut wie da und als ich Max neben mir mit Schlafmaske schlummern sah, ahnte ich nichts Böses. Wir landen und als ich Max nun aufwecke, fängt er wild an zu lachen, will was sagen, sagt es aber nicht. Egal, wir, bzw. ich, stürme raus, schließlich haben wir nur wenige Minuten Aufenthalt, und als ich draußen bin, habe ich Max verloren. Komisch, denke ich mir, eigentlich war er doch hinter mir. Als Max dann ein paar Minuten später doch ankommt, wir mir aber langsam klar, was los ist: als ich schlafen gegangen bin, habe ich die Party und die Afterparty verpasst. Ein paar Passagiere hatten ich über das laute Gelächter beschwert, und da hat die Stewardess Max und eine weitere Sister in Crime vom Nachbarsitz einfach in den hinteren Bereich mitgenommen und sich nun vollständig ihrer Leidenschaft für Bartendering hingegeben. Max war Protagonist und hatte allein durch diese Aktion bestimmt die Hälfte des Flugtickets wieder amortisiert und ich, ich war glücklich und habe schon herzlich gelacht, bevor wir überhaupt so richtig losgefahren waren.

Ein paar Filme und tiefe Stunden Schlaf für Max später, kommen wir nun endlich auch an: wow, Afrika, was für eine neue, unbekannte Welt, aber auch wohoo Johannesburg. Die Stadt hat ja nicht den besten Ruf, teilweise führte sie mit die Liste der gefährlichsten Städte der Welt an und genau dieser Gedanke kommt uns wieder hoch, als wir ankommen. Überfälle auf Autos bei voller Fahrt, Menschen die bis auf die Socken ausgeraubt wurden und brutale Morde, ja dafür steht Johannesburg. Man weiß ja oft nicht, wie real wirklich eine Gefahr ist und wir Europäer und vor allem wir Deutsche, neigen dann ja wohl eher zur extremen Vorsicht, welche natürlich, wie wir später noch herausfinden sollen, vollkommen übertrieben war.

Aber gut, erster Teil unseres Überlebensprogrammes war es erst einmal alles Geld und alle Karten an verschiedenen Teilen des Körpers zu verteilen, vier um genau zu sein. War zwar jetzt verdammt unangenehm zu laufen, aber hey, safety first. Teil zwei, sich nicht von voneinander trennen, auch nicht, wenn jemand mal aufs Klo muss und Teil drei, jedem zu misstrauen und alle Fragen aus Prinzip erst einmal mit „No“ zu beantworten oder noch besser, unter Vermeidung jeglichen Augenkontakts, kommentarlos an jedem vorbeizuziehen, der einem schräg anschaut oder anschauen will, was in einem Flughafen in Afrika relativ stressig sein kann, aber sowohl der sicherste Weg war potentielle Trickbetrüger und Schwerverbrecher zu vermeiden. Zumindest der zweite Punkt klappte ganz gut, aber unser „auch-in-Afrika-läuft-alles-so-wie-ich-das-will“-Ansatz kam schon nach 5 Minuten ins Schwanken, nämlich dann, als wir irgendwann zu unserem Hostel kommen mussten.

Ich hatte auf einen offiziell ausgewiesenen Taxistand gehofft, dieser war aber natürlich nicht wirklich ersichtlich. Augenkontakt oder Fragen hätte ja gegen die Regel drei verstoßen und einen öffentlichen Bus nehmen, fühlte sich an wie Selbstmord. Verdammt, wir waren gefangen, jetzt schon! Na gut, ich erblickte einen Soldaten und dachte mir, wenn es einer weiß und uns nicht abziehen will, dann wohl er. Wir gingen zu ihm und fragten ihn nach dem offiziellen Stand. Doch hatte er wohl das Wort „offiziell“ überhört und meinte nur „Ah, Taxi?!“. Daraufhin pfiff er. Keine drei Sekunden später kam ein Mann von hinten hergelaufen und meinte nur „Taxi, Taxi, come!“. Nein, er sah nicht aus wie ein Fahrer vom offiziellen Taxistand. Er winkte uns in das Parkhaus und der Soldat zeigte auf ihn und meinte nur „He is Taxi“.

Wir gingen mit ihm ins Parkhaus und er fragte uns etwas aus, klassischen Fragen, wo wir herkommen, ob wir das erste Mal da sind, ob wir eine Freundin haben. Wir antworteten, aber es dominierte die Angst sehr bald zu sterben, und daher fragten wir ihn im Gegenzug, ob er denn wirklich ein offizielles Taxi sei. Und wie diese Firma denn hieß. Er zeigte und seinen Taxiausweis. Wir glaubten ihm immer noch nicht. Er holte einen Kollegen her, um zu zeigen, dass er genau den gleichen Ausweis hatte. Wir glauben ihm immer noch nicht, und waren beeindruckt, wie gut organisiert die Kriminellen hier sind, dass sie sogar einen zweiten Ausweis fälschten. Als wir schließlich am Taxi ankamen, welches natürlich auch kein offizielles Taxischild hatte, waren wir eigentlich fest entschlossen wieder zu gehen. Doch aus einem nicht wirklich erklärlichen Grund stiegen wir trotzdem ein und waren 15 Minuten später sicher im Hostel. Mir war die ganze Geschichte auf einmal voll unangenehm und ich entschuldigte mich beim Fahrer, sei ja nicht persönlich gemeint gewesen, der lachte nur und wünschte uns eine tolle Zeit. Wenigstens war jetzt all unser Misstrauen weg, aber dafür geht man ja schließlich reisen.

Die Tage in Johannesburg waren der Hammer, gleich am ersten Abend hatten wir ein lesbisches Paar kennengelernt, was uns mit in einen Club genommen hatte, in dem wir wohl die einzigen Weißen waren. Max jammte mit lokalen Musikern, wir fanden heraus, dass man mit zwei riesigen Boxen auch ein Burgerladen à la McDonalds in einem Club verwandeln kann und tagsüber schauten wir uns das zu Recht bekannte Apartheid Museum an. Der erste Eindruck von Afrika war wunderbar und dies auch mal wieder dank den Menschen, mit welchen man immer was zu lachen hatte. Und ja, das Lachen verging uns auch nicht, als wir das ein oder andere Werbeplakat auf den Straßen sahen, bevor wir am nächsten Tag uns ein Auto mieteten um den nächsten Teil der Reise anzugehen.

Die Fahrt aus Johannesburg verlief unspektakulär, bis auf die üblichen Strapazen des Linksverkehrs wie Herzrasen beim Rechts-Abbiegen und dem Scheibenwischer beim Blinken, welche uns noch den Rest der Reise begleiten sollten. Auch die Landschaft war wenig spektakulär, sondern erinnerte fast an Mittel- oder Norddeutschland, bis wir ans Blyde River Canyon kamen. Wir wollten ursprünglich dort gar nicht hin, hatten aber zum Glück uns doch dafür entschieden und, alter Schwede, hatte sich das gelohnt. Mitten durch eindrucksvolle Sandsteinformationen fließt ein Fluss und bildet das Canyon, während sich im Hintergrund die ewigen Weiten des afrikanischen Kontinents auftun. Der Blick war so berauschend, dass es fast gar nichts Besonderes war, dass es um den Parkplatz herum nur so von fast menschengroße Affen wimmelte. Aber hier sagen Bilder wohl mal wieder einmal mehr als 1000 Worte.

Nächstes Highlight: der Kruger Nationalpark, einer der größten Wildparks der Welt, so groß, dass man ihn gerade in einem Tag durchfahren kann. In Afrika möchte jeder die Big Five sehen – der Begriff bezieht sich auf die größten Tiere des Kontinentes: Elefant, Nashorn, Büffel, Leopard und natürlich den Löwen – und Travelers brüsten sich gerne über Ihre Safari-Sichtungen, eigentlich stellt jeder zuerst die Frage: „wie viele der Big Five hast du denn gesehen?“. Dass wir im Endeffekt nur drei und nicht den Löwen gesehen hatten, hatte uns nicht gestört, denn weder Max noch ich konnten den geführten Safaris viel abgewinnen – irgendwie war es doch langweilig stundenlang in einem offenen Jeep zu sitzen und zu hoffen, dass man etwas sieht! Umso spannender war es für uns, dass man im Kruger Park auch alleine rumfahren konnte: am ersten Abend und nachdem wir geblitzt wurden, nach Wilderer-Waffen durchsucht und etliche Unterkünften nach Verfügung abtelefoniert hatten, konnte ich Max doch noch überreden eine Tour kurz vor Sonnenuntergang zu machen, was sich im Endeffekt als schönstes Naturerlebnis der ganzen Reise herausgestellt hatte.

Die schmalen dirt roads führten quer durch den Park und stundenlang waren wir ganz alleine. Wir fuhren langsam über die Straßen und folgten dem Tipp wo nur möglich den Motor vom Auto abzustellen. Belohnt wurden wir von einem Naturspektakel ohnegleichen. Auf den Lichtungen bei den Wasserlöchern scharten sich Antilopen, der Blick in die Täler war so weit, dass es unmöglich war nur deren Ende zu erahnen und neben der Straße trotteten Elefanten mit ihren Jungen mit einer Ruhe, wie als wenn sie gar nicht wüssten, dass es auch Menschen oder geschweige denn Autos in diesem Park gibt. Als dann auch noch die Sonne zum Horizont hinunter ging, färbte sich alles, aber wirklich alles, in einem tieforangenen Ton. Wir hielten noch einmal und schauten der Sonne hinterher, diese war mittlerweile so groß, dass sie den halben Himmel eingenommen hatte und die Ruhe des Parks wurde nur von den Grillen und dem Quaken der Frösche übertönt, welche zu ihrem Abendkonzert eingestimmt hatten. Im Kruger Park waren wir wirklich in eine andere Welt abgetaucht, so surreal, wie ein Korallenriff unter Wasser, unvorstellbar, dass man nur wenige Stunden von hier wieder im Lärm, Dreck und Beton der Städte ist.

Eigentlich erschien alles perfekt, und nach dem kurzen Innehalten fuhren wir zurück zum Camp, als wir ganz schnell aus unserem Trancezustand gerissen worden: die Tore zum Camp waren zu, überall mit Stacheldraht überseht und verbarrikadiert. Wir mussten wohl beim Eintritt in den Park überlesen haben, dass nach 18.30 Uhr strenges Ausfahrverbot herrscht…

Nach einem kurzen Warten und Lichthupe vor dem Campeingang wurden wir von einem Wächter mit MP alles andere als freundlich begrüßt. Er öffnete das Tor, winkte uns rein stoppte aber gleich das Auto und ließ uns spüren, wer das Sagen hatte. In einem diktatorischen Ton mussten wir ein Formular ausfüllen und genau aufschreiben, warum wir zu spät waren. Akribisch überprüfte er all unsere Angaben und entließ uns nach einer gefühlten Ewigkeit endlich zu unserem Bungalow, wo wir den Abend nun weiter von unseren Erlebnissen berauscht, ausklingen lassen konnten, bevor wir unsere Reise durch Afrika fortsetzen…

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